Bild © by Petra Moll

Text ©by Sybille Buchwald

 

Wenn Engel Glück verteilen

 

Zu jener  Zeit, als alljährlich vor der großen Himmelspforte am gesamten Firmament  die Eiskristalle am höchsten standen und die Dunkelheit erhellten, war es soweit. Zwei Engel wurden von Gott ausersehen und zur Erde gesandt. Ihre Aufgabe bestand darin, einen Menschen zu finden, der am meisten ihrer Hilfe bedarf um die Glückseligkeit des weihnachtlichen Festes zu erleben. 

 

Sie spreizten ihre Flügel und glitten lautlos zur Erde hinab. Viele Ortschaften, kleine und große lagen auf ihrem Weg. Überall vor den Häusern war der Schnee auf den Wegen beiseite geschaufelt. Lichterketten waren an den Fenstern aufgehängt und alles sah sehr friedlich und still aus.

 

Sie konnten niemanden finden, der ihrer Meinung nach wirkliche Hilfe brauchte. So schwangen sie unermüdlich ihre Flügel, schwebten durch die Lüfte  und hielten beide Augen auf, damit ihnen nichts oder niemand  entgehen konnte.

 

Als sie einen zugefrorenen Fluss nahe einer  Stadt überqueren wollten, bemerkten sie ein kleines Licht in der Dunkelheit flackern. Ohne sich abzusprechen flogen sie auf das Licht zu. In einiger Entfernung hielten sie an. Unter einer Brücke  entdeckten  die Engel  eine in Decken gehüllte Gestalt. Der alte Mann hatte die  Wollmütze tief in die Stirn gezogen und versuchte sich an einem kleinen Feuer die Hände zu wärmen.

 

Unter der  Decke, die bis über seine  Knie reichte, bewegte sich etwas. Ein weißschwarzer, felliger  Kopf mit dunklen Augen, abgeknickten Ohren  und kalter Schnauze stupste ihn sanft an. Der Alte nahm eine Hand und kraulte ihn sanft hinter den Ohren.  „Weißt du, mein Kleiner“, begann er leise zu sprechen, „jetzt habe ich nur noch dich. Ja, wir sind ein Team. Ohne dich hätte ich niemanden, der mir zuhört.“ Aufmerksam blickten ihn die dunklen Augen an.

 

Doch plötzlich hob der kleine Hund seinen Kopf und schaute in die Dunkelheit. Seine Ohren waren gespitzt und er lauschte aufmerksam in die Stille hinein. Ohne, dass der alte Mann es hätte verhindern können, sprang der Hund auf in Richtung Böschung und kletterte nach oben zum Weg. Er verschwand in der Dunkelheit. Der alte Mann richtete sich mühsam auf. Seine Glieder waren durch den klirrenden Frost ganz steif geworden. „Kleiner komm her, wo bist du?“ Mühsam arbeitete er sich durch den Schnee die Böschung hinauf.  Als er schnaufend oben ankam, staunte er. Vor ihm lag ein Weg, auf dem jemand offenbar den Schnee beiseitegeschoben hatte.  So konnte er ohne große Mühsal den Weg entlang gehen und nach seinem Hund Ausschau halten.

 

Er pfiff nach ihm, er rief ihn laut und auf einmal hörte er in der Ferne ein Kläffen. Ja, das war sein Kleiner. Seine Schritte wurden schneller und als er um die Wegbiegung kam, sah er die Lichter eines Hauses.   Zum Weg hin war es begrenzt durch ein kleines Mäuerchen und das kleine Holzgartentor stand offen.  Von dort kam das Kläffen. Vorsichtig näherte sich der Alte dem Tor und schaute zur Eingangstür. Diese stand ebenfalls auf und eine Frau mit einer Blechschüssel in der Hand beugte sich zu seinem Hund hinunter. „Na du Kleiner, hast wohl Hunger“, hörte er sie sanft sprechen. Doch noch ehe er sich durch rufen seines Hundes bemerkbar machen konnte, blickte sie auf und sah ihn freundlich an. „Es ist kalt draußen. Wollen sie nicht hinein kommen? Ich habe eine warme Suppe auf dem Herd und es reicht für zwei.“ Sagte sie herzlich zu ihm. Noch ehe er antworten konnte, war der Kleine schon im Haus verschwunden. „Da habe ich wohl keine Wahl“,  erwiderte er lächelnd und nahm die Einladung dankbar an.

 

Die beiden Engel sahen sich zufrieden an und hoben ab in die Lüfte. Ihre Aufgabe war erfüllt und sie sanken zufrieden auf ihren Schlafplatz vor der Himmelspforte. Dabei umarmten sie sich, so wie es Engel immer tun, bevor sie in das Reich der Träume hinüber gleiten.

Wenn Engel Glück verteilen, dann tun sie das still und leise.